Bruno Hambüchen: Im Wettkampf geht es zu 80 Prozent um die Psyche

Er ist so etwas wie die graue Eminenz im Hintergrund der Entwicklung von Fabian Hambüchen zum erfolgreichsten deutschen Turner aller Zeiten. „Onkel Bruno“ sorgt mit seiner psychologischen Betreuung des Ausnahmeathleten immer wieder für die entscheidenden Prozentpünktchen extra. Wir haben mit dem Referenten des Gerätturn-Symposiums in Stuttgart darüber gesprochen, wie er Fabians Olympiagold am TV-Bildschirm verfolgt hat, wie seine Kindheit als ältester von fünf Brüdern aussah und was er den Symposiums-Teilnehmern mitgeben wird.

Bruno, als ältester von fünf Brüdern lernt man vermutlich zwangsläufig viel über Psychologie in seiner Kindheit.
Das kann man so sagen. Und es waren ja nicht nur meine Brüder und meine Eltern im Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Dazu kamen auch noch Oma und Opa, Onkel, Tante und Neffe. Da war richtig was los. Zu dieser Zeit war mir aber noch nicht klar, dass ich da durch eine lehrreiche Schule gehe. Das war sehr unbewusst, dass ich da wohl ein Gespür für die wichtigsten persönlich-zwischenmenschlichen Themen entwickelt habe. Im Studium dämmerte es mir dann so nach und nach, spätestens wenn mir mal wieder klar wurde, woher ich ein bestimmtes Thema so gut kenne. Meine Kindheit war, wenn man so will, eine intensive Grundausbildung für meinen späteren Beruf.

Bleiben wir bei der Familie. Dein Bruder Wolfgang ist bekanntermaßen ein Gerätturn-Enthusiast und Trainer von seinem Sohn Fabian. Wie sieht bei Dir der Bezug zum Gerätturnen aus?
Ich habe das als Kind eine Zeit lang gemeinsam mit meinem Bruder im Turnverein ausprobiert. Aber das war nicht mein Ding. Ich bin dann unter anderem auf Feldhockey, Tennis und später Handball umgestiegen.

Durch deinen Neffen Fabian bist du aber seit langem extrem nah dran am Turnen. Wie läuft eure Kommunikation ab?
Wir sind ein seit den Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele 2004 in Athen eingespieltes Team und seitdem immer wieder wie selbstverständlich im Gespräch wenn es „Baustellen“ gibt.

Das ist jetzt ja noch sehr allgemein: Wie betreut man jemanden psychologisch, der kurz vor dem olympischen Reckfinale steht?
Wir haben ein bis drei Tage vor so einem Ereignis auf jeden Fall noch einmal gründlich Kontakt. Je nachdem um welche Themen es geht stecken wir die Köpfe dann circa eine Stunde zusammen und dann ist die Richtung klar.

Wie muss ich mir so ein Gespräch vorstellen?
Wie ein sehr intensives Telefonat: Ich interessiere mich erst einmal dafür, wie es ihm aktuell geht und was ihn beschäftigt. Und auch wenn dann als Antwort kommt: Ich bin topfit und freu mich drauf, hake ich nach, weil es bei genauerem Hinsehen doch oft trotzdem das eine oder andere mentale Thema gibt, bei dem noch etwas zu holen ist.

Wie können solche Baustellen aussehen?
Das kann generell zum Beispiel die Angst sein, dass etwas schief geht. Wo es viel zu gewinnen gibt, gibt es auch viel zu verlieren. Genauer betrachtet, kann das vielleicht die Vorstellung sein, dass ein bestimmtes Teil oder ein Übergang nicht klappt, dass man schuld dran ist, wenn das Team so nicht ins Finale kommt, oder die ganze Arbeit umsonst war und so weiter.

Ich geh dann mit in diese Vorstellungen rein und wir entwickeln gemeinsam einen Weg, mit dem Gefühl oder/und der Vorstellung so um zugehen, dass sie einen vor und während des Wettkampfs nicht belastet.

Als Diplom-Pädagoge und Psychotherapeut ist man theoretisch mit allen Wassern gewaschen. Sitzt man deshalb komplett entspannt vor dem Fernseher, wenn der Neffe um Olympiagold kämpft?
Nein, nein, natürlich nicht (lacht). Da stehe ich genauso unter Strom wie jeder andere auch und bin gespannt wie ein Flitzebogen. Vielleicht sogar noch ein bisschen mehr, weil ich ja mitkriege ob und wie er das Besprochene umsetzt. Beim Olympiafinale war ich entsprechend gebannt im Tunnel und als er stand, bin ich aufgesprungen und habe die Nachbarschaft zusammengebrüllt.

Wie Du einen Spitzensportler betreust, haben wir jetzt in groben Zügen erfahren. Auf was genau dürfen sich nun die Teilnehmer des Trainersymposiums freuen?
Ich bleibe möglichst praktisch anschaulich und erzähle in Beispielen alles, was ich erzählen darf, auch wenn ich dabei auf die Namen meiner Klienten weitgehend verzichte. In der Regel kommen dann sehr schnell viele allgemeine oder konkrete Fragen von den Teilnehmern. Ich packe dann noch einen Schuss Psychologie dazu, um nachvollziehbar zu machen, warum bestimmte Haltungen, Sichtweisen, Blickwinkel und Verhaltensweisen und Rahmenbedingungen einen innerlich weiter bringen - und andere nicht.

Was zeichnet Deiner Erfahrung nach einen guten Sportler und sein Erfolgssystem aus?
Letztendlich geht es um die Einstellung. Wie trainiert er/sie, wie konsequent ist er/sie und wie diszipliniert. Dadurch wird die Voraussetzung für den Erfolg geschaffen. Gute Trainer und Physiotherapeuten gehören genauso dazu wie eine Familie, die hinter Dir steht, wenn es eng wird oder nicht klappt, und bei Erfolg die Bodenhaftung behält. Während der ganzen Wettkampfzeit geht es zu 80 Prozent um die Psyche.

Viele der späteren Spitzensportler fangen früh mit dem Training an. Was gilt es dabei zu beachten?
Eine entspannte und unterstützende Haltung der Eltern ist gerade zu Beginn besonders wichtig damit die Freude am Sport und die Lust weiter zu kommen, mehr dazu zu lernen im Vordergrund bleibt und nicht irgendwelche Resultate. Wer hier schon seinen künftigen deutschen Meister sieht und entsprechend „motiviert“ baut tatsächlich Leistungsdruck und auf und fördert damit Versagensangst und Misserfolg. Oft ist es aber so, dass die Knirpse von sich aus dermaßen „heiß“ sind, dass es einem Weltuntergang gleichkommt, wenn es im Wettkampf nicht funktioniert, eine Krankheit oder Verletzung dazwischen kommt und so weiter. Dann sind die Eltern und Trainer auf eine ganz andere Art gefordert. Aber dazu mehr beim Symposium.

Viele dieser Aussagen lassen sich ja auch auf den Alltag aller Menschen übertragen!
Aber natürlich. In vielen meiner Coachings geht es um familiäre Beziehungsthemen und berufliche Leistungsperformance. Alles, was wir besprechen werden, ist übertragbar auf Menschen, die vorwärts kommen und ihr mentales Potenzial dafür nutzen wollen. Und im Sport gilt das von der viel zitierten Kreisklasse bis hin zum Olympiateilnehmer.

Zum Abschluss noch einmal eine sportliche Frage: Verrate uns doch bitte einen Trick, wie man sich als Sportler perfekt auf einen Auftritt vorbereiten kann.
Ja klar! (lacht) Eine der Möglichkeiten, die ich gerne nutze, ist danach zu fragen, wie jemand zu seinem Sport gefunden hat. Oft bekomme ich zur Antwort, dass sie drei, vier Sportarten ausprobiert haben und dann genau diese Sportart „geil“ fanden. Das Wiedereintauchen in die ursprüngliche Faszination und Leidenschaft ist eine starke Grundlage auf die man seinen Fokus richten kann. Wenn man das hinbekommt, ist man schon einen Schritt weiter.

Zur Person
Bruno Hambüchen ist unter anderem Diplom-Pädagoge und Psychotherapeut und betreibt eine Praxis in Krefeld. Er wurde im Jahr 1953 in Krefeld geboren und wuchs als ältester von fünf Brüdern auf. Neben seinem Neffen und Reck-Olympiasieger Fabian betreut er weitere Sportler aus dem Turnen, Schwimmen, Eishockey, Golf Tennis, Reiten. Im Vordergrund steht für ihn nicht die Sportart, sondern der individuelle Mensch, der den Sport betreibt.

Gerätturn-Symposium
Das Gerätturn-Symposium hat sich zu einer der bedeutendsten Gerätturn-Trainerfortbildungen in Deutschland entwickelt und sogar im Ausland wird es als Fortbildungsveranstaltung für C-, B- und A-Trainer-Lizenzen wahrgenommen. Traditionell gilt es als perfekte Möglichkeit, seine Lizenz zu verlängern.

Wer also im Gerätturnen unterwegs ist, der kommt über kurz oder lang nicht am Turn-Symposium in Stuttgart vorbei. Es ist DIE Institution, wenn es um Weiterbildung auf diesem Gebiet geht. In diesem Jahr wartet das Symposium mit Dozenten wie Bruno Hambüchen und Marie-Sophie Hindermann auf.
Preis: ab 159 (inklusive Eintritt für alle sechs Veranstaltungen des EnBW DTB-Pokals)